|
Rückblick auf das Internationale Literaturfestival Berlin 2009 25.01.10 VON: JÖRG BEYER Kategorie: GESELLSCHAFT, Rezensionen
Im September des letzten Jahres fand das alljährliche Internationale Literaturfestival Berlin (ilb) mit dem Schwerpunkt „Arabische Literatur“ statt. Ein Schwerpunkt, welcher Grund genug für muslimische-stimmen.de ist, einen kleinen Rückblick zu geben. Insbesondere deshalb, da der Intendant des Hauses der Berliner Festspiele, der Heimat des ilb bereits in der Eröffnung erwähnte, dass hierbei speziell die Unterschiede der Kulturen betont werden, das Nichtverstehen, da diese Auseinandersetzung doch weit interessanter und gewinnbringender sein kann, als der ständige Versuch einander zu verstehen und sich einander anzugleichen. Dass die Möglichkeiten für das deutsche Publikum, die arabische Literatur kennenzulernen weiterhin sehr gering sind, wurde ebenfalls deutlich gemacht. Der ambitionierte Anspruch einen Markstein in der literarischen Kommunikation zwischen Deutschland und der arabischen Welt zu setzen, ist daher absolut zu unterstützen. Eine Besonderheit und ein guter Schachzug der Veranstalter war es hauptsächlich auf solche Autoren zu setzen, welche in der arabischen Welt bereits ein gewisses Ansehen erlangt, in der deutschen Rezeption jedoch aufgrund fehlender Übersetzungen noch völlig unbekannt sind. So gab es beispielsweise mehrere Termine mit dem diesjährigen Gewinner des „Arab Booker Prize“ Youssef Ziedan oder dem ebenfalls aus Ägypten stammenden Khaled Al-Khamissi, dessen Buch „Cairo Taxi“ abgesehen von Alaa Al-Aswanis „Jakubijan-Bau“ wohl der größte Bucherfolg der letzten Jahre in der arabischen Welt war. Ein weiterer Schwerpunkt war die Auseinandersetzung mit der sogenannten Immigranten-Literatur auf deutsch, ein Begriff, welchen die Autoren selbst, wie beispielsweise Abbas Khider oder Suleman Taufiq ablehnen, da sie wie Taufiq betont keine Migranten mehr sind, sondern längst ein Teil der deutschen Gesellschaft und daher auch keine Migranten-Literatur schreiben können. Auch mochte er erwähnt wissen, dass durch Werke dieser Autoren der deutschen Gesellschaft etwas Bedeutendes gegeben werde, so wie dadurch auch die deutsche Sprache bereichert werde. Abbas Khider, dessen Roman „Der falsche Inder“ sein erstes Werk auf Deutsch ist, sprach davon, dass ihm die deutsche Sprache eine Distanz zu seinem Werk gebe, welche es ihm ermögliche sich mehr auf literarische Aspekte zu fokussieren, gelöst von der Leidenschaft. Daher wird er wohl weiterhin seine Lyrik auf Arabisch verfassen, jedoch für Prosa die deutsche Sprache wählen. Da zwar immer noch viel zu wenig arabische Literatur übersetzt wird, es jedoch auch nicht so ist, dass es gar keine deutschen Ausgaben gibt, wollen wir zum Abschluss noch einen kurzen Überblick geben und die aktuellen Neuerscheinungen vorstellen:
Alaa Al-Aswani – Ich wollt’ ich würd’ Ägypter Lenos Verlag, 265 Seiten, 19,90 €, ISBN: 978-3-85787-404-8
Alaa Al-Aswani hat geschafft, was selten gelingt, er ist als arabischer Autor in Europa bekannt geworden. Insbesondere durch seinen ersten Roman „Der Jakubijan-Bau“, welcher in der arabischen Welt ein Echo auslöste, welches hierzulande vielleicht nur vergleichbar ist mit Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“, hat er auch einen festen Platz in der literarischen Welt Europas erlangt. Auch sein zweiter Roman „Chicago“ verkaufte sich gut und nun ist also sein erster Band mit Erzählungen und Kurzgeschichten erschienen, welche zum Teil schon vor den beiden oben genannten Roman verfasst wurden. Dass diese damals keinen Verleger fanden, hat sich nun natürlich geändert, und dass es nicht nur literarische Gründe hatte, die eine frühere Publikation verhinderten, sondern auch die Zensur eine erhebliche Rolle spielte erklärt Al-Aswani im Vorwort ausführlich. Nichts desto trotz bleibt festzuhalten, dass diese Sammlung von Geschichten nicht im geringsten an seine Romane heranreicht. Manches liest sich recht amüsant, doch hätte man wohl nicht viel verpasst, hätte man auf eine Lektüre des Ganzen verzichtet. Al-Aswani sieht sich selbst gerne in der Reihe großer Schriftsteller wie Marquez oder seinem vor einigen Jahren verstorbenen Landsmannes und Nobelpreisträger Machfus, doch deren literarisches Niveau hat er schlicht und ergreifend nicht. Er schreibt gute und zum Teil sehr spannende Romane und hat es geschafft eine Gesellschaft wie die ägyptische dazu zu bringen, wieder etwas mehr Literatur zu konsumieren. Das ist eine enorme Leistung und dabei sollte er bleiben.
Sinan Antoon – Irakische Rhapsodie Lenos Verlag, 133 Seiten, 17,50 €, ISBN: 978-3-85787-402-4
Ein Manuskript aus einem irakischen Gefängnis, ein unter Umständen der Folter und Gefangenschaft verfasstes Dokument, erst nachträglich durch einen Mitarbeiter der Staatssicherheit wieder lesbar gemachter Text und all dies auch noch durch viele Unsicherheiten wie Mehrdeutigkeiten, Zeitwechsel und Wunschträumen erschwertes Buch. Vielleicht wurde der Text von dem Beamten auch verfälscht, auf dem Weg durch Behörden und Institutionen abgewandelt und verändert. Vieles bleibt offen. Leicht zu verdauen ist diese „Irakische Rhapsodie“, wie der Debütroman des Irakers Sinan Antoon auf Deutsch heißt, sicherlich nicht. Es lässt viele Deutungen zu und schildert trotzdem konkrete Repressionen denen das Volk unter dem Gröfaz (größter Führer aller Zeiten) ausgesetzt ist. Ein teilweise verstörender Text, aber ein nie langweiliger, interessanter, fordernder Roman.
Abbas Khider – Der falsche Inder Edition Nautilus, 158 Seiten, 16,- €, ISBN; 978-3-89401-576-3
Wie bereits angedeutet, handelt es sich bei Abbas Khider um einen Spezialfall. Sein Roman „Der falsche Inder“ ist nämlich nicht auf Arabsich, sondern auf Deutsch verfasst. Da Abbas Khider aus dem Irak stammt und seine Lyrik auch weiterhin auf Arabsich verfasst, wollen wir ihn trotzdem hier unter den Neuerscheinungen der arabischen Literatur erwähnen. Wie bereits oben erwähnt sagte Khider, dass es ihm erst die deutsche Sprache ermöglichte diesen Roman zu schreiben, da sie als eine ursprüngliche Fremdsprache eine gewisse Distanz zum Text erlaubte, ihm die Möglichkeit gab sich auf literarische Aspekte des Schreibens zu konzentrieren. Da in der Geschichte auch viel selbst Erlebtes verarbeitet wird, erklärt sich diese Aussage dem Leser schnell, denn solche Dinge, wie eine Flucht aus dem Irak und mehrere Aufenthalte in verschiedensten Gefängnissen, selbst in fiktionalisierter Version zu schildern würde sicherlich vielen schwer fallen. Vier Jahre war Abbas Khider selbst unterwegs, vom Irak über Jordanien, Ägypten, Libyen, den Tschad, Tunesien, die Türkei, Griechenland, Italien bis nach Deutschland. Eine Odyssee, welche exemplarisch für so viele Schicksale der heutigen Zeit steht und denen Khider eine Stimme gibt. Nicht anklagend und nicht verzweifelnd, sondern in Würde und literarisch dem Ganzen gerecht werdend.
Nagib Machfus – Karnak-Café Unionsverlag, 128 Seiten, 14,90 €, ISBN: 978-3-293-00400-8
Ägypten nach 1967 war nicht mehr wie Ägypten vor 1967. Der Sechstagekrieg und die verheerende Niederlage gegen Israel erschütterte die Gesellschaft enorm und brachte die großen Mangel und Probleme der Regierung ans Licht. So hatte dieses Ereignis auch einen starken Einfluss auf die ägyptische Literatur und deren bedeutendsten Vertreter Nagib Machfus. „Karnak-Café“ ist eines der Werke, welche im Anschluss an diese Zäsur entstanden. Fertig gestellt im Jahr 1971, somit auch noch nach dem Tod Gamal Abdel Nassers, wird in diesem Roman viel von dem aufgegriffen und offengelegt, was schief gelaufen war in Ägypten seit der Revolution. Es thematisiert die Gesellschaft in einem Polizeistaat, mit einem übermächtigen Geheimdienst und der Einschränkung vieler Freiheiten. Vor der Kulisse des Cafés in welchem sich die Protagonisten treffen und über Politik diskutieren spielt sich der gesamte Roman ab. Irgendwann verschwinden einige der Diskutanten und auch ihre spätere verstörte und gebrochene Rückkehr stellt keine Rückkehr zu den alten Zeiten dar. Liest man „Karnak-Café“ mit der Kenntnis des heutigen Ägyptens, so beeindruckt die ungebrochene Aktualität des Werkes eines der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Es ist zudem die letzte Übersetzung der im Juni 2008 verstorbenen Übersetzerin Doris Kilias. Sie hat in den letzten Jahren fast das gesamte Werk von Nagib Machfus für den deutschen Leser zugänglich gemacht.
Abdalrachman Munif – Das Spiel von Licht und Schatten Diederichs, 414 Seiten, 24,95 €, ISBN: 978-3-424-35011-1
Abdalrachman Munif ist eine der großen Stimmen arabischer Literatur und blieb im deutschen Sprachraum viel zu lange unbeachtet. Nun hat der Diederichs Verlag mit „Das Spiel von Licht und Schatten“ den dritten Band nach „Salzstädte“ und „Zeit der Saat“ des Salzstädte-Zyklus auf Deutsch vorgelegt und damit das Projekt abgeschlossen, auch wenn es noch zwei weitere Bände im Original gibt. Die unverhohlene Kritik an den Führern des Landes, welche in den Romanen durchscheint hat unter anderem dazu geführt, dass Munif die saudische Staatsbürgerschaft entzogen wurde und er im Exil leben musste, wo er 2004 in Damaskus verstarb. „Das Spiel von Licht und Schatten“ beschreibt die Entwicklung des fiktiven Staats Moran zu Beginn des 20. Jahrhundert, zwischen Modernitätsstreben und traditionellen Beduinentums, mit Ambitionen einer Regionalmacht und Abhängigkeiten gegenüber britischen Interessen. Ziemlich deutlich lassen sich hinter den Figuren die realen Vorbilder erkennen. So scheinen sowohl der saudische Staatsgründer Abd al-Aziz ibn Saud und dessen Sohn Faisal ibn Abd al-Aziz durch, wie der als Lawrence von Arabien in die Geschichte eingegangene T.E. Lawrence in der Rolle des Beraters und Vermittlers des Sultans. Munif ist ein großer Könner seines Handwerks und zeigt dies in diesem Roman erneut. Es bleibt zu hoffen, dass auch der Rest seines Werkes den deutschen Lesern zugänglich wird.
Muhammad Mustagab – Irrnisse und Wirrnisse des Knaben Numan Lenos Taschenbuch Verlag, 154 Seiten, 9,50 €, ISBN: 978-3-385787-720-9
„Eigentlich hätte ich Strauchdieb werden sollen, doch die Verhältnisse waren ungünstig, und so wurde ich Schriftsteller.“ Muhammad Mustagab, der diese Aussage über sich selbst traf ist nicht nur einfach Schriftsteller geworden, sondern ein nicht ganz alltäglicher, wie auch das nun auf Deutsch vorliegende Buch „Irrnisse und Wirrnisse des Knaben Numan“ zeigt, welches außer der titelgebenden Geschichte noch die Erzählung „Blutbrennen“ enthält. Die Titelgeschichte ist eine teils abstruse Satire, welche in der ländlichen Gesellschaft Ägyptens spielt und das Leben des Numan beleuchtet, oder zumindest vorgibt dies zu tun, wobei schon bei seiner Geburt eine große Unklarheit herrscht. So ist nicht mal genau zu sagen, ob Numan denn nun 1910, 1929 oder doch erst 1938 geboren ist. Im Laufe der Beschreibung seines Lebens werden diese Unklarheiten zwar nicht gerade geringer, doch ergeben sich eine Vielzahl für den Leser amüsanter Situationen, welche das Buch zu einem Genuss machen. Eine gewisse Kenntnis der ägyptischen Geschichte und ihrer gesellschaftlichen Situation helfen häufig Anspielungen zu verstehen, sind jedoch nicht zwingend notwendig, um den Text genießen zu können. Es ist ein großer Gewinn für den deutschen Buchmarkt, endlich auch ein Werk des 2005 verstorbenen ägyptischen Schriftstellers Mustagab vorliegen zu haben. <- Zurück zu: Home |