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Thomas Bauer: Die Kultur der Ambiguität – Eine andere Geschichte des Islams 25.10.11 Kategorie: Rezensionen In der derzeitigen öffentlichen Wahrnehmung dürfte der Begriff der Ambiguität sicher nicht zu den ersten zählen, der fällt, wenn es um den Islam geht. Gilt dieser doch heute zumeist als engstirnig, textfixiert und intolerant gegenüber unterschiedlichen Ansichten und Einstellungen. Dass es sich dabei um ein großes Missverständnis handelt, welches erst in jüngster Geschichte entstanden ist, zeigt Thomas Bauer in seiner Studie zur Ambiguität in der „islamischen Kultur“. Gerade in der Geschichte islamisch geprägter und dominierter Gesellschaften gab es eine Ambiguitätstoleranz, welche der in den meisten anderen Kulturen, insbesondere der sogenannten westlichen Welt deutlich überlegen war. Er kommt sogar zu dem Schluss, dass es gerade die ambiguitäts-intolerante westliche Kultur und Gesellschaft war, die diese Veränderung in der islamischen Welt hervorgerufen hat und schreibt etwas provokativ: „Tatsächlich schaut der Westen im Islamismus auf die Fratze seiner eigenen Wahrheitsobsessionen.“
Insbesondere in der immer weiter fortschreitenden Verwissenschaftlichung der westlichen Welt ist es zu einer Entwicklung gekommen, die eine Aussage nur wahr oder falsch sein lässt und zwei oberflächlich gegensätzliche Aussagen eben nicht beiden die Möglichkeit Wahrheit zu enthalten erlaubt. Gerade dies wurde in der islamischen Geschichte jedoch lange anders bewertet. So gibt es beispielsweise verschiedene Koran-Lesungen, die sich durch Vokalisierung oder auch direkt im Text unterscheiden und somit auch andere Inhalte wiedergeben. Dass dies die Authentizität des Textes als solches in Frage stellt kann für den größten Teil der islamischen Geschichte jedoch nicht erkannt werden. Gerade die unterschiedlichen Lesarten gelten vielen großen Gelehrten als bereichernd, ermöglichen sie es doch in ein und demselben Grundtext noch deutlich mehr Inhalte zu erfassen, was die Göttlichkeit des Textes nur noch unterstreicht und es wird dabei nicht in geringstem angezweifelt, dass die verschiedenen Lesarten nicht das wahre Wort Gottes sein. Erst in jüngster Zeit lässt sich die Tendenz deutlich erkennen, dass überall in der islamischen Welt die Existenz der verschiedenen Lesarten teils bestritten, zumindest jedoch verschwiegen wird, da es durch die bereits geschilderte Veränderung der eigenen Wahrnehmung zu einem Empfinden gekommen ist, dass das Wort Gottes nicht in verschiedenen Lesarten verschieden sein kann. Es kann also für den Großteil der heutigen Muslime auch hier nur eine Wahrheit geben.
Die verschiedenen Koran-Lesarten sind jedoch nur ein Beispiel unter vielen, die Thomas Bauer detailliert benennt, erklärt und analysiert. So war es über Jahrhundert ganz normal, dass einige der größten Hadith-Gelehrten gleichzeitig erotische Gedichte verfassten und auch die Behauptung, dass im Islam Religion und Staat keine Trennung erfahren können, lässt sich anhand der Geschichte eindeutig widerlegen.
Thomas Bauer hat mit seiner Abhandlung ein zwar häufig auch provozierendes Buch vorgelegt, insbesondere wenn es um den Einfluss des Westens und dessen Bewertung islamischer Gesellschaften geht, aber gerade auch durch diese Herausforderungen an den Leser ist dieses Buch vielleicht das Beste, auf jeden Fall das Wichtigste was in den letzten Jahren über islamische Kultur und Geschichte geschrieben wurde. Man kann nur hoffen, dass sowohl all die selbsternannten „Islamexperten“, die mit schnellen Analysen selten hinterm Berg halten und häufig keine oder zumindest keine ausreichende Kenntnis über die eigentliche Thematik haben, sich durch dieses Buch im wahrsten Sinne des Wortes belehren lassen. Aber auch der Großteil der Muslime dürfte wertvolles erfahren, insbesondere diejenigen, die sich selbst als Konservative oder Salafiten und dergleichen bezeichnen und mit absoluten Wahrheiten auftreten, deren Infragestellung sofort als Abfall vom Glauben erklärt wird.
Thomas Bauer Die Kultur der Ambiguität – Eine andere Geschichte des Islams Verlag der Weltreligionen (Suhrkamp) ISBN: 978-3-458-71033-2 463 Seiten, 32,90 € |