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Projekt "Gemeinsames Kernethos von Judentum und Islam"
10.01.12
Von:  Muhammad Sameer Murtaza

Kategorie: PROJEKTE

Die imaginäre Vorstellung von „den“ Juden prägt die Sichtweise sehr vieler Muslime heute und ist die Wurzel des islamisch verbrämten Antisemitismus. Damit ist deutlich, dass der jüdisch-muslimische Dialog von entscheidender Bedeutung ist. Das Projekt „Gemeinsames Kernethos von Judentum und Islam“, das seit 2010 von der Stiftung Weltethos und seit 2011 mit Unterstützung des Zentralrats der Muslime durchgeführt wird, reagiert auf den unübersehbar gewordenen Handlungs- und Interventionsbedarf. Dabei handelt es sich um ein neues Format, das sich gezielt an jene richtet, die es betrifft und die als Multiplikatoren innerhalb der muslimischen Community wirken können: nämlich Jugendliche muslimischen und jüdischen Glaubens, die sich in den Moscheen und Synagogen engagieren.


Im Mittelpunkt steht dabei das Verbindende, das Juden und Muslime  gemeinsam haben. Sowohl das Judentum als auch der Islam lehren das
Doppelgebot der Gottesliebe und Nächstenliebe. Bei Letzterem setzt die Idee des Weltethos an. Die Stiftung Weltethos leistet damit eine Pionierarbeit,
denn in der Regel erhalten junge Muslime durch diese Vorträge zum ersten Mal
einen objektiven Zugang zum Judentum. Damit ist ein Angebot geschaffen worden, bei dem sie sich eine eigene Meinung bilden und diese vertreten können. Es wird für ein Gefühl der Achtung gegenüber dem Judentum und dem
Islam geworben; wie auch zu einer gefestigten Meinung von dem Anderen ermutigt, die auch dem Sturm aktueller politischer Ereignisse im Nahost-Konflikt standhält und zwischen der jüdischen Religion und der Politik des Staates
Israel, zwischen der islamischen Religion und fehlgeleiteten Selbstmordattentätern zu differenzieren weiß.


Konzeption des Projektes


Das Ziel des Projektes ist es, das monolithische imaginäre Bild von „dem“ Judentum und „dem“ Islam aufzubrechen, indem darauf verwiesen wird, dass Juden und Muslime zu dem einen Gott beten, dass sie beide sich an denselben Lebensmodellen und dem gleichen Ethos orientieren, die sich in den Leben und Lehren der biblischen und koranischen Leitfiguren wiederfinden.


Da es ein solches Projekt auf Gemeindeebene bisher noch nicht gegeben hat, müssen die Moscheevereine sehr früh kontaktiert werden, in der Regel etwa drei bis vier Monate vor der eigentlichen Veranstaltung. Im Vorfeld müssen
ausführlich das Ziel und die Inhalte des Vortrages besprochen und die Eckpunkte der Kooperation, die Erwartungen an die Moscheegemeinde und
ihre Aufgaben geklärt werden. Dies garantiert aber letzten Endes nicht, dass der Vortrag dann auch stattfindet. Mehrmals wurde trotz aller Vorbereitung die Veranstaltung seitens des muslimischen Kooperationspartners abgesagt,
so dass monatelange Arbeit vertan war und das Projekt somit ins Stocken geriet. Ebenso ist es zu beklagen, dass Kontaktversuche zu jüdischen Gemeinden bisher wenig erfolgreich waren.


Da sich das Projekt als ein lernendes Projekt versteht, bedarf es Kreativität um den gesetzten Zielen gerecht zu werden. Deshalb kommen neben der reinen Wissensvermittlung in Form von Vorträgen, auch andere didaktische Mittel zum
Einsatz. So werden beispielsweise gemeinsam die Offenbarungsschriften erkundet, indem ohne Quellenverweis ein Textfragment vorgetragen wird, das entweder auf das Humanitätsprinzip oder die Goldene Regel verweist. Anschließend wird miteinander die Textbedeutung erschlossen. Erst dann – oft zum Erstaunen aller – wird die Quelle, ob hebräische Bibel oder Koran, bekannt
gegeben, was abermals den Moment des Gemeinsamen hervorhebt.

 

Inhaltliche Kernpunkte

 

Indem das Projekt sich an den Lebensmodellen der gemeinsamen Prophetenerzählungen orientiert, wird auf das bestehende religiöse Wissen der Teilnehmer zurückgegriffen und diese Ressource als grundlegender Baustein genutzt, um auf das gemeinsame Ethos zu verweisen. Unterstützt wird dies auch dadurch, dass der Vortragende selber praktizierender Muslim ist, was einer vertrauensvollen Beziehung zum muslimischen Publikum dienlich ist, da in den anschließenden Diskussionen die Jugendlichen authentisch ihre Gefühle und Einstellungen zum Judentum zur Sprache bringen. Der Referent kann dann aus einer dialogischen Position heraus sein eigenes nicht immer vorurteilsfreies
oder unkompliziertes Verhältnis zum Judentum darlegen. Dadurch übernimmt er auch ein Stück weit eine Vorbildrolle ein.


Im Kern wird vermittelt, dass die hebräische Bibel und der Koran von Anfang an einen universellen Horizont haben. Zentral sind: die Würde des Menschen, Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit und soziale Verantwortlichkeit. Auf diese Weise verwehren sich die Gläubigen aller Religionen einer inhumanen Auslegung ihrer Religion. Schließlich ist das Humanum die Mindestanforderung
an jede Religion und ihre Auslegungen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Gedanke der Gemeinschaft in Abraham. Juden und Muslime sollen sich gegenseitig als abrahamische Geschwister wahrnehmen, deren Frömmigkeit,
Hoffnungen, Träume, aber auch Sorgen gar nicht so unterschiedlich sind.


Bisherige Erfahrungen während des Projektes

 

Die bisherigen Erfahrungen des Projektes haben gezeigt, dass jede Veranstaltung im Rahmen dieser Initiative anders ist. So hatte es der Veranstalter „Islamische Gemeinschaft deutschsprachiger Muslime“ beim Eröffnungsvortrag in Berlin nicht geschafft, die eigene Gemeinde zu mobilisieren und in der Folge fand der Vortrag vor einem Muslim und drei jungen Menschen jüdischen Glaubens statt. Gott sei gedankt blieb es nur bei diesem Fehlstart.


In Mainz gelang es mit dem Verein Islamische Informations- und Serviceleistungen, die erste Dialoggruppe zu gründen, bei der inzwischen
zweimal vor zahlreichem Publikum referiert wurde, das sich aus Christen und Muslimen zusammensetzte. Inhaltlicher Schwerpunkt der Diskussion bildete die Frage nach der Achtung des Judentums und jüdischer Religiosität als Heilsweg. Für viele Muslime ist es nur schwer vorstellbar, dass führende Gelehrte des Mittelalters wie der Universalgelehrte Al-Ghazali diese Unterscheidung gelehrt haben. Zu sehr wird die heutige Glaubenslehre geprägt von dem einfachen und einfältigen Schwarz-Weiß-Denken der nur schlecht ausgebildeten Gelehrten Saudi-Arabiens.


Die zweite Dialoggruppe entstand beim muslimischen Verein Voices in Reutlingen e.V. Auch hier wurde einerseits die Diskussion von der
Heilsfrage bestimmt und andererseits von dem jüdischen Selbstverständnis, Gottes auserwähltes Volk zu sein. Letzteres bereitet Muslimen große Verständnisschwierigkeiten, da der Islam den Stammeswesen mitsamt seinem Gruppenchauvinismus abschaffen und durch den Neo-Stamm der muslimischen Umma ersetzen wollte. Gerade junge Muslime fürchten, dass durch ein auserwähltes Volk die Gleichheit der Menschen vor Gott nicht mehr besteht.


Die dritte Dialoggruppe bildet die Jugendgruppe des Islamischen Sozialdienst- und Informationszentrums in Stuttgart. Hier drehte sich der Dialog um die Frage, wie sich das Handeln der jüdischen Siedlungsbewegung, die sich ja als religiös versteht, in Einklang mit den noachidischen Geboten zu bringen ist. Ein anderer Teilnehmer fragte vorsichtig, wie der israelische Staat diesen Landraub und die damit verbundene Vernichtung der palästinensischen Existenz mit dem eigenen Ethos der Kain-und-Abel-Erzählung gutheißen könne.


Die vierte Dialoggruppe entstand beim Verein Islamische Mädchen Alzenau e.V., wo auch zum ersten Mal neben dem Vortrag die Dokumentation „Spurensuche – Das Judentum“vorgeführt wurde. Besondere Erwähnung verdient die Tatsache, dass diese jugendlichen Muslimas die Veranstaltung weitgehendst im
Alleingang und im Widerstand zur ansässigen Moscheegemeinde organisiert haben. Von dieser kam nämlich der Einwurf, man solle vor einem Dialog mit dem Judentum zuerst über die Geschehnisse in Palästina sprechen. Dass die Islamischen Mädchen Alzenau dennoch an dem Vortrag festhielten, bestätigt den gewonnenen Eindruck, dass es in der muslimischen Community zunehmend ein ernsthaftes Interesse am Judentum gibt, das man bisher nur durch die
Brille des Nahost-Konfliktes kennengelernt hat.


Alle bisherigen Veranstaltungen haben gezeigt, dass das Publikum durchaus in der Lage war, zwischen der jüdischen Religion und dem Staat Israel zu unterscheiden und differenzierte Fragen zu stellen.


Ein erstes Zwischenfazit


Nach den ersten zwei Jahren kann vorsichtig ein erstes von noch vielen  kommenden Zwischenfaziten gezogen werden. Bei aller Schwierigkeit ist es der Stiftung Weltethos gelungen, ein neues Format zu entwickeln, das es so bisher in der muslimischen Community nicht gegeben hat.

 

Ausdrücklich muss auch das Engagement des Zentralrats der Muslime hervorgehoben werden, der ganz offen das Problem in der eigenen Community erkannt und wiederholt Beiträge von Seiten der Stiftung zu dieser Thematik veröffentlicht hat und somit ein wichtiger Multiplikator ist. Durch die eingerichteten Dialoggruppen wird es künftig leichter sein, Veranstaltungen in größerer Regelmäßigkeit durchzuführen und damit Basiswissen, Perspektivwechsel,  Einfühlungsvermögen, dialogische Gesprächsmethode und Achtung vor dem Anderen in der muslimischen Community zu verankern und damit einen Beitrag zur Überwindung des islamisch verbrämten Antisemitismus zu leisten.


Hoffnung, dass dies gelingen kann, machen die muslimischen Jugendlichen, die neugierig und wissbegierig bereit sind, die Stereotypen von „den“ Juden hinter sich zu lassen. Allerdings wird dies nur möglich sein, wenn sich auch die jüdische Community stärker in dieses Projekt einschaltet. Denn die Geschichte des jüdisch-muslimischen Dialogs können nur sie gemeinsam schreiben,
indem sie sich begegnen und einander vertrauen lernen. Be-ezrat haschem, in scha Allah, so Gott will.

 


Der Verfasser ist Islamwissenschaftler und externer Mitarbeiter der Stiftung
Weltethos. Derzeit promoviert er zum Vergleich zwischen Friedrich Nietzsches
Übermenschen und Muhamad Iqbals Mard-e-Momin

 

Dieser Beitrag erschien im Dossier Jugendkultur, Beilage zur politik und kultur 01/2012 (ganzes Heft in der rechten Spalte herunterladen!).

 

Links:

Stiftung Weltethos für interkulturelle und interreligiöse Forschung, Bildung und Begegnung: http://www.weltethos.org




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