Über uns | Mitmachen | Newsletter | Suche | Kontakt/Impressum
Chancen und Grenzen des Dialogs
06.10.11
Von:  Muhammad Sameer Murtaza

Kategorie: GESELLSCHAFT

Dialog der Religionen: eine Polyphonie

Unsere heutige Welt wird im Zeitalter der Globalisierung oft umschrieben als ein globales Dorf oder man spricht von einem Zusammenrücken der Welt. Mag dies hinsichtlich Ökonomie und Materialismus stimmen, so bleiben andere Kulturen und andere Religionen immer noch weitgehend unbekannte Größen.

 

Dieses Zeitalter der Mobilität, des Vernetzens und der Umbrüche lässt die Weltreligionen nicht unberührt. Auch sie sind nun zusammengerückt und begegnen oder stoßen in diesem globalen Dorf in einem bisher nie dagewesenen Maß aufeinander.

 

Zugleich erleben wir, dass nicht wenige Menschen der Moderne gegenüber – die ja in Europa im Widerstand zur katholischen Kirche und damit der Religion sich entwickelte – skeptisch eingestellt sind. Sie treten in eine Phase der Postmoderne ein, in der der Mensch nach Harmonie zwischen seinen spirituellen Bedürfnissen, aber auch seinen materiellen Bedürfnissen, nach Harmonie zwischen weltlicher und metaphysischer Erkenntnis, nach Harmonie zwischen Diesseits und Jenseits strebt. Und tatsächlich erleben wir vor allem im Islam, aber auch im Judentum und Christentum eine Re-Besinnung auf Religion. Diese Re-Besinnung hat in allen Religionen zwei verschiedene Formen angenommen. Zum einen erleben wir Religion als reaktionäres „Wir gegen die Welt“, als Gegenbewegung zur Globalisierung und Homologisierung, also der weltweiten Gleichmacherei. Doch dieser Trend wird oft begleitet von einem Religionschauvinismus, religiöser Ignoranz, Intoleranz und Abkapselung. Zum anderen erleben wir auch eine verantwortliche Re-Besinnung auf Religion, die ein integratives „Wir mit der Welt“ ist.

 

Meine Beobachtung ist, dass Menschen grundlegend offen gegenüber Religion eingestellt sind. Ich glaube, dass Religionen die Chance haben, wieder gelebt zu werden. Allerdings wird sich Religiosität heute von der Religiosität des Mittelalters unterscheiden. Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung in der Ausübung des eigenen Glaubens spielen heute eine zunehmend wichtigere Rolle, während die Fremdbestimmung und Bevormundung durch religiöse Institutionen oder religiöses Personal rückläufig ist. Dies ist auch legitim, solange man sich nicht von seiner Religionsgemeinschaft abkapselt, da gerade die Gemeinschaft auch ein wichtiges Korrektiv sein kann.

 

Aber je unheilvoller Religionen für den Menschen werden, desto mehr erschöpft sich ihr Anspruch an den Menschen. Wenn Religion partout nur noch eine negative Kraft ist, dann werden die Menschen sich von ihr loslösen und sie abwehren.

 

Daher ist es notwendig, dass wir einen Weg finden für eine versöhnte Vielfalt der Religionen. Prof. Hans Küng hat darauf in seinen berühmten Programmsätzen hingewiesen, die da lauten:

 

Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen.

Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen.

Kein Dialog zwischen den Religionen ohne Grundlagenforschung in den Religionen.

 

Dialog ist ein Mittel, um Spannungen abzubauen und Vertrauen aufzubauen, Sprachlosigkeit zu überwinden und Kommunikation zu fördern. Das Gespräch miteinander kann aber nur den ersten Schritt darstellen, denn es reicht nicht, bloß friedfertige Absichten zu bekunden, sondern die Gläubigen müssen sich auch gemeinsam aktiv um die Organisation des Friedens bemühen. Wir wollen zu einer guten Nachbarschaft hin zu einem guten Miteinander gelangen. Dazu reicht Reden nicht, sondern es braucht Zusammenarbeit und auch ein stückweit des Zusammenlebens. Durch sinnvolle Kooperation werden Bindungen und Verbindungen geschaffen und wirkliche oder eingebildete Mauern abgetragen. Zugleich muss klar sein: Dialogarbeit ist eine nüchterne Arbeit der kleinen Schritte. Doch sie ist alternativlos, denn die Vernunft befiehlt uns den Frieden, weil Unfrieden ein anderes Wort für extreme Unvernunft geworden ist. 

 

Damit der interreligiöse Dialog gelingen kann, sollten – in Anlehnung an Leonard Swidler – folgende Punkte berücksichtigt werden:

 

1.      Dialog darf nicht mit christlicher Mission oder islamischer Dawa (Einladung zum Islam) verwechselt werden. Ziel ist es nicht, den anderen zu bekehren, sondern zu einer gemeinsamen Grundlage zu gelangen, die Zusammenarbeit ermöglicht. Dialog ist keine Debatte und mein Gegenüber nicht mein Gegner, den es zu übertrumpfen gilt.

 

2.      Dialog erfordert die Stärke, den Wahrheitsanspruch des Anderen auszuhalten und zu respektieren, auch wenn man diese Ansicht nicht teilt. Schließlich ist es aus der Innenperspektive nur selbstverständlich, dass die Gläubigen jeder Religion ihre Religion als wahr empfinden. Respekt ist also eine Grundtugend des Dialogs.

 

3.      Juden, Christen und Muslime betrachten ihre eigenen Religionen als die Wahrheit. Dieser Wahrheitsanspruch darf aber nicht zu einem Wahrheitsfanatismus führen, der den Dialogpartner geringschätzt. Zwar gibt es nur eine Wahrheit, aber durchaus viele Heilswege. Das Judentum hat andere Monotheisten auf Grundlage der noachidischen Gebote stets als rechtschaffene Menschen angesehen. Während die katholische Kirche ihren Lehrsatz extra ecclesiam nulla salus (Kein Heil außerhalb der Kirche) auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil aufgegeben hat. Auch im Islam haben Gelehrte wie Abu Hamid Muhammad ibn Muhammad Al-Ghazali, Murtaza Mutahhari, Abdoljavad Falaturi und Muhammad Asad auf Grundlage von folgenden Qur‘anversen 2: 62; 5: 69; und 22: 17 erklärt, dass es für Monotheisten auch außerhalb des Islam Heilswege gibt. Gerade die prophetischen Religionen stammen unleugbar von der gleichen Quelle und trotz aller Defizite, die sich die Gläubigen dieser Religionen gegenseitig vorwerfen, kann niemand von ihnen dem anderen ernsthaft unterstellen, über gar keine Wahrheitsbruchstücke zu verfügen. So dass aus theologischer Sicht durchaus die Gläubigen der abrahamischen Religionen über den anderen sagen können, dass Gott ihnen, trotz aller Defizite, vergibt, da sie im Besitz der wichtigsten Erkenntnis sind, nämlich dass es keinen Gott außer Gott gibt.

 

4.      Die Bereitschaft Hinzuhören, denn wo der Anspruch erhoben wird, dass man den anderen besser versteht als er sich selber, werden Monologe, aber keine Dialoge geführt. Im interreligiösen Dialog geht es um das Verstehen, wie mein Gegenüber auf die Fraglichkeit der Welt reagierte und auf welchen Überzeugungen seine Anschauung der Welt beruht. So kann nur ein Christ das Christsein aus der Innenperspektive erläutern, während Andersgläubige lediglich beschreiben können, welchen Eindruck seine Religion von einer Außenperspektive betrachtet hinterlässt.

 

5.      Um die Glaubenswelt und Praxis des Anderen verstehen zu können, muss man ihm Empathie entgegenbringen und bereit sein, die Sichtweise des Anderen nachzuvollziehen.

 

6.      Die Selbstverständlichkeit der Wahrhaftigkeit: Beide Seiten müssen sich ehrlich und aufrichtig begegnen und diese Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit beim Anderen voraussetzen. Denn ohne Vertrauen kein Dialog.

 

7.      Da Dialog auf Vertrauen basieren muss und ein solches sich erst aufbauen muss, sollten in der Anfangszeit Themen behandelt werden, die auf die Gemeinsamkeiten hinweisen und Perspektive für eine Zusammenarbeit bieten.

 

8.      Das Recht im Namen des Vertrauens und des Respekts alle Fragen stellen zu dürfen, auch jene, die wehtun.

 

9.      Im Dialog müssen beide Seiten zwischen der Religion und dem religiösen Wissen unterscheiden, denn Religion unterliegt menschlicher Interpretation, die stets begrenzt, endlich, wandelbar und auch fehlerhaft sein kann. Daher sollte man davon Abstand nehmen, zu verallgemeinern. Weder gibt es „das“ Judentum, noch „das“ Christentum und auch nicht „den“ Islam. Religionen sind keine Monolithe, sondern eher Mosaike. Auch sollten die eigenen Ideale nicht mit der Praxis des anderen verglichen werden, sondern die eigenen Ideale mit den Idealen des Anderen und die eigene Praxis mit der Praxis des Anderen. Hinsichtlich der geschichtlichen Verwirklichung der Religion muss jeder Teilnehmer des interreligiösen Dialogs die Fähigkeit der Selbstkritik und die Fähigkeit Kritik auszuhalten besitzen.

 

10.  Die Ergebnisse des interreligiösen Dialogs müssen in die eigene Religionsgemeinschaft transportiert werden, damit sich bei den eigenen Glaubensgeschwistern ein Erkenntnisgewinn einstellt. Auf diese Weise lernt eine ganze Gemeinschaft und kann sich verändern.

 

Der Dialog ist selbstverständlich keine Garantie, dass es zu keinen Konflikten mehr zwischen den Religionen kommt. Frieden ist ein Ideal, für das wir beständig arbeiten müssen, Frieden muss gemacht werden.

 

 

Muhammad Sameer Murtaza M.A. ist Islamwissenschaftler, Mitbegründer des Arbeitskreises Eine Menschheit und externer Mitarbeiter der Stiftung Weltethos. Seit 2010 setzt er sich mit der Vortragsreihe „Gemeinsames Kernethos von Judentum und Islam“ für ein besseres Verständnis zwischen den beiden Religionen ein. Kürzlich erschien sein ideologiekritisches Buch: Die ägyptische Muslimbruderschaft – Geschichte und Ideologie.

 

_____________________________

KOMMENTARE VON LESERN

 

1.

Ich bin sehr froh über diese überzeugende  Stellungnahme und Verteidigung des wahren Islam, so wie ich ihn auch über zehn Jahre lang kennengelernt habe und das trotz Ausleben meiner christlichen Religion in Israel.
Während meiner Jugend eingeimpfte Vorurteile legte ich überraschend schnell ab, weil sich diese sofort als unwahre Propaganda herausstellten und ich hatte glücklicherweise die Gelegenheit, die Menschen wirklich kennenzulernen.
Das Zusammenleben bedurfte keines diplomatischen Kraftaktes meinerseits, sondern eher unproblematischer, gegenseitiger Achtung und Lernbereitschaft.

Ich arbeitete dort zeitweise in arabischen Hostels und erhielt neben freier Unterkunft und Verpflegung einen geringen Tageslohn den ich sparen konnte.
Die Qualität meiner Arbeit sprach sich herum und wurde mit vollem Vertrauen belohnt. Ich war mein eigener Chef, das benötigte Material für die Verlegung von Kalt- und Warmwasserleitungen, die elektrische Installation, das mauern und verputzen von Wänden und abschließendem Anstrich, das schweißen von Normbetten mit anschließender Lackierung; kaufte ich gegen Rechnung selbst ein und erledigte sämtlichen Arbeiten gewissenhaft, zur vollsten Zufriedenheit der Kunden.
Ich lernte im Umgang mit den verschiedenen Materialien täglich dazu, wuchs förmlich hinein und blühte richtig in meiner Arbeit auf. Das Verhältnis zu diesen Menschen kann ich nur als familiär und sehr freundschaftlich bezeichnen. Schon in kürzester Zeit wurde ich behandelt, als wäre ich ein Mitglied der Familie.
Anschließend fand ich Unterkunft und Arbeit in einem Hotel unter jüdischer Leitung und machte auch hier genau dieselben Erfahrungen in einem Zeitraum von immerhin zehn Jahren.
 Auch in religiösen Fragen waren wir schnell einig, dass wir alle, denselben Einen Gott haben.
So wahr und so einfach kann eine Lösung aussehen, die auch funktioniert und gelebt werden kann.
Beide Seiten sind müde vom ewigen Krieg und sehnen sich nach Frieden.
Leider lassen das eine Handvoll Fanatiker auf beiden Seiten nicht zu und lassen aus finanziellem Interesse sofort jeden neuen Friedensschluß wieder im Keim ersticken.
Hier kann man gerechterweise nicht einfach eine Partei ergreifen, denn die Mehrheit liebt den Frieden und wie in jedem Krieg, gibt es auch hier nur Verlierer.
Wie will man nur mit dem zukünftigen Problem der Trinkwasserversorgung umgehen, wenn nicht gemeinschaftlich.
Der Wasserstand des See Genezareth sinkt ständig und droht zu versalzen.
Für die Landwirtschaft und zur Bewässerung der Bananen und Orangenplatagen wird der größte Teil des Trinkwassers verbraucht und bald ist auch hier ein kritischer Punkt erreicht, der wieder in einem Krieg endet, wenn man nicht endlich gemeinschaftlich in Meerwasserentsalzungsanlagen investiert, anstatt in Waffen deutscher Produktion.
Erst kürzlich hat der israelische Zoll eine Lieferung Unkrautvernichtungsmittel zur Herstellung von Bomben beschlagnahmt, welches in Zuckersäcken abgefüllt und als Hilfslieferung des Deutschen Roten Kreuzes deklariert war.
Beschämt muss ich als deutscher wieder einmal feststellen, wer hier wessen größter Feind ist. Wenn das nicht endlich aufhört und der Mensch nicht lernt in ehrlicher Absicht miteinander umzugehen und kommende Probleme endlich gemeinschaftlich zu lösen versucht, dann hat der Mensch weder Zukunft noch Überlebenschance.
Dabei sind die Überlebensbedingungen nach wie vor optimal- es liegt in unserer Hand, was wir mit einigen Einschränkungen und Anpassungen daraus machen-
Jede Wüste ist ein schlafendes Paradies und bietet ausreichend Lebensraum für alle Menschen die bereit sind gerecht zu teilen und Mühe und Arbeit nicht scheuen.
An dieser Stelle möchte ich mit folgendem Link auf die wertvolle Arbeit von Antonio Mascolo hinweisen, die hoffentlich bald öffentliche Anerkennung findet. www.kattara-utopie.de/toc.htm
Leider wird das Ganze wohl eher aus Mangel an europäischer Vernunft und  an amerikanischen Absichten scheitern und wohl nicht am Moslem, der die Moral die er predigt auch lebt und gerade deshalb hilfsbereit ist und brüderlich teilt.
Ich kann nicht anders, ich liebe diese Menschen, denen ich so viel verdanke.
Deshalb brauchen wir dringend Stellungnahmen, Kritik, Proteste und mehr Informationen von der moslemischen Seite, damit der paranoide Sch..ble erst  gar keinen Einfluß gewinnt. Das hat es alles schon einmal gegeben und ist nicht wiederholenswert.
Mit freundlichen Grüßen




<- Zurück zu: Home

Fragen oder Kommentare an den Autoren/die Autorin oder an die Redaktion:

Fragen oder Kommentare an den Autoren/die Autorin oder an die Redaktion:



Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld


*




CAPTCHA Bild zum Spamschutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*

*


Nach Absenden eines Kommentars muss auf die Bestätigung durch den Administrator gewartet werden!